Das nächste Mal, als Flan Natasha sah, war in ihrer Zelle. Wobei, "sehen" ist nicht ganz der richtige Ausdruck. "Hören" trifft es eher.
Sie schlief, oder zumindest waren ihre Augen geschlossen und ihre Nervenenden nicht mit dem Geschehen um sie herum verbunden. Vielleicht träumte sie gerade von Anaïs Nin oder von Adam, wer wusste das schon. Vermutlich hing sie diesem einen Treffen kurz vor Schulbeginn letzten Sommer nach, in diesem Café oder dieser Bar oder wo auch immer sie sich getroffen hatten... das "wo" schien mit Natasha immer irrelevant gewesen zu sein. Sie nahm zu viel Raum in Flans Wahrnehmung ein, als dass dort Platz gewesen wäre für irgendetwas anderes.
Wie jetzt auch.
"Wach auf, Flan!", zischte eine Stimme neben ihrem Ohr.
Sie war sofort wach. Plötzlich war es so kalt im Raum, so unglaublich kalt, sie wollte die Decke um sich ziehen und sich einrollen und gegen die Wand drücken... aber das konnte sie nicht. Das würde bedeuten, dass sie wach war.
Sie hatte sich das eingebildet. Das war die Erklärung. Wahrscheinlich war es sogar Teil irgendeines perversen Traums, der sie nicht losließ. Der sie noch nie losgelassen hatte, wenn sie ehrlich war. Sie wusste, was Sache war. Dass es Natasha nicht gab.
(Allein dieser Gedanke kostete sie so viel Kraft, dass ihr noch kälter wurde. Eine Welt, in der Natasha nicht existierte, war wie ein Schlag ins Gesicht.)
"Jetzt hör auf mit dem Scheiß und wach auf!" Da war so viel Wut und gleichzeitig Erwartung in dem Ton, es war herrlich. Es könnte fast wahr sein.
Flan öffnete die Augen nicht.
Wenn sie hinsah und Natasha nicht dort war, was bedeutete das?
Fortschritt, würden sie sagen, es wird besser. Dann wäre Natasha nur noch die Stimme des Teufels in ihren Ohren, nicht mehr ein Teil von ihr so groß wie sie selbst. Flan glaubte den Ärzten, sie tat es wirklich. Sie hatte es selbst gesehen, erlebt. Der Moment, als sie es begriffen hatte, als Natasha sie, wie gedacht hatte, für immer alleine gelassen hatte, schien ihr aus einem anderen Jahrhundert, ja, einem anderen Universum zu stammen. Wie naiv von ihr.
Aber wenn sie jetzt hinsah und Natasha war da, vor ihr, mit ihren schönen Haaren und ihrer makellosen Haut und ihrem Duft und ihren Augen und allem, was Flan nachts laut heulend vermisst hatte, was bedeutete das dann? Und wollte sie es wissen?
"Flan!"
Langsam öffnete sie die Augen.
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